Über Beziehungen, die Chancen eröffnen, und die Frage, wie viel Selbstbestimmung uns dabei bleibt.
Von Marlow D. Guttmann

„Ich kenne da jemanden.“
Manchmal reicht dieser Satz, damit etwas möglich wird. Ein Bewerbungsgespräch, eine Finanzierung, ein Kontakt, den man allein kaum hergestellt hätte. Wir freuen uns darüber. Menschen helfen einander, geben Erfahrungen weiter und setzen sich für andere ein.
Doch wie sieht dieselbe Situation für jemanden aus, der niemanden kennt? Und was geschieht, wenn die Person, die uns eine Möglichkeit eröffnet hat, dafür irgendwann Gefolgschaft erwartet?
Mich beschäftigt an Beziehungen vor allem diese Spannung: Sie können unseren Handlungsspielraum erweitern und uns zugleich vom Wohlwollen anderer abhängig machen. Die Wirtschaftsgeschichte Südostasiens und Europas hilft, genauer zu verstehen, wie beides zusammenkommen kann.
Dabei sollten wir zwei Dinge auseinanderhalten. Soziales Kapital bezeichnet bei Bourdieu die Ressourcen, die uns durch Beziehungen zugänglich werden. Vertrauen meint dagegen die Bereitschaft, sich auf einen anderen Menschen zu verlassen und dadurch verletzlich zu werden (Bourdieu, 1986; Rousseau et al., 1998). Ein Kontakt kann wirtschaftlich wertvoll sein, ohne dass persönliches Vertrauen die entscheidende Rolle spielt. Vielleicht sichern Verträge die Zusammenarbeit. Vielleicht hat eine Seite auch kaum eine andere Wahl.
Gerade deshalb lohnt es sich, hinter die Beständigkeit einer Beziehung zu schauen.
Eine Möglichkeit bekommen und dafür gebunden bleiben
Im 19. Jahrhundert organisierten chinesische Unternehmer im malaiischen Johor den Anbau von Pfeffer und Gambir. Die Regierung vergab dafür schriftliche Genehmigungen, sogenannte surat sungai. Darin wurden Rechte in bestimmten Flussgebieten und teilweise die Anteile verschiedener Beteiligter festgehalten. Persönliche Verbindungen, staatliche Autorität und schriftliche Regeln wirkten zusammen. Später beeinflussten auch europäische Juristen und englische Vertragsformen die Ausgestaltung (Trocki, 1975, S. 1–4).
Für einen Produzenten konnte ein Vorschuss entscheidend sein. Ohne Geld ließ sich der Anbau kaum beginnen. Doch die Unterstützung hatte mitunter weitreichende Bedingungen: Die Produzenten mussten ihre Versorgung über den Geldgeber organisieren und ihm ihre Erzeugnisse verkaufen. Nach Trocki waren die Preise häufig zu dessen Gunsten gestaltet; viele Produzenten blieben dauerhaft verschuldet (Trocki, 1975, S. 7).
Die Finanzierung eröffnete eine wirtschaftliche Möglichkeit. Gleichzeitig konnte sie die Wahl des Lieferanten und des Abnehmers einschränken. Wer die Beziehung verlassen wollte, riskierte damit mehrere Grundlagen seines Geschäfts.
Wir wissen dadurch noch nicht, wie viel Vertrauen die Beteiligten einander entgegenbrachten. Wir erkennen aber, weshalb fortgesetzte Zusammenarbeit allein dafür kein Beweis ist. Auch Abhängigkeit kann eine Beziehung stabil halten.
Es wäre zu einfach, darin eine Besonderheit „asiatischer Beziehungskultur“ zu sehen. Auch deutsche Kreditgenossenschaften bauten auf Wissen aus lokalen Gemeinschaften. Die Vertrautheit mit Menschen und ihren Verhältnissen konnte hilfreich sein. Sie garantierte jedoch weder bankfachliche Kompetenz noch eine verlässliche Geschäftsführung. Externe Prüfungen und Beratung ergänzten deshalb die lokale Zusammenarbeit (Guinnane, 2003).
Beide Beispiele führen zu einer Frage, die über ihren historischen Kontext hinausweist: Welche Möglichkeiten haben Menschen, ihre Interessen zu vertreten, wenn sie auf eine Beziehung angewiesen sind? Die Antwort hängt auch von den Regeln ab, innerhalb derer diese Beziehung stattfindet.
Zur Gemeinschaft gehören und trotzdem nicht mitgemeint sein
Bei hadhramischen Familien, deren Herkunft im heutigen Jemen lag und deren Handelsverbindungen bis nach Südostasien reichten, verband sich wirtschaftliches Handeln mit familiären und religiösen Verpflichtungen. Manger beschreibt etwa den Stiftungsfonds von Mohamed Alsagoff in Singapur. Seine Erträge waren für Bedürftige, arme Verwandte, Bildung, Pilger und religiöse Zwecke vorgesehen. Die Verpflichtungen reichten über Singapur hinaus bis in den Hadramaut sowie nach Mekka und Medina (Manger, 2013, S. 235–241).
Diese Geschichte erinnert daran, dass Geld für Menschen sehr unterschiedliche Bedeutungen haben kann. Religiöse Überzeugungen konnten begründen, warum ein Teil des Vermögens anderen zugutekommen sollte. Wer darin ausschließlich die Pflege wirtschaftlich nützlicher Kontakte sieht, würde den eigenen Sinn dieser Verpflichtungen übergehen.
Ein Waqf, eine islamische Stiftung beziehungsweise Vermögenswidmung, konnte solche Fürsorge über Generationen organisieren. In den von Yahaya untersuchten Straits Settlements dienten dafür häufig vermietete Gebäude, deren Erträge bestimmten Personen oder Einrichtungen zugutekamen (Yahaya, 2020, S. 143–145).
Aber wer war tatsächlich begünstigt? In einigen Familienwaqf waren Töchter ausgeschlossen oder erhielten geringere Leistungen. Familienangehörige stritten vor kolonialen Gerichten um ihre Ansprüche. Dabei konnten bereits Übersetzungen zwischen Arabisch, Malaiisch und Englisch darüber mitentscheiden, wie Begriffe für Kinder, Söhne oder Nachkommen ausgelegt wurden (Yahaya, 2020, S. 143, 158–161).
Was nach einer juristischen Detailfrage klingt, konnte für einen Menschen bedeuten, versorgt zu sein oder keinen entsprechenden Anspruch zu besitzen.
Fürsorge innerhalb einer Gemeinschaft sagt also noch wenig darüber aus, wie ihre Leistungen verteilt werden. Auch rechtliche Absicherung löst diese Frage nicht von selbst. Die kolonialen Gerichte interpretierten bestehende Verpflichtungen durch eigene Rechtsvorstellungen und veränderten damit deren Reichweite (Yahaya, 2020, S. 144–148, 161).
Hier wird greifbar, was mich an der Verbindung von Zugehörigkeit und Freiheit interessiert. Es macht einen erheblichen Unterschied, ob jemand Unterstützung gewährt bekommt oder einen Anspruch besitzt, den er auch gegenüber einflussreichen Angehörigen vertreten kann. Nähe bleibt wertvoll. Sie darf aber nicht darüber entscheiden, ob die eigene Stimme zählt.
Was mit einer Nachbarschaft verloren gehen kann
Eine weitere Perspektive eröffnet der Alltag von Frauen in Jakarta. Rethel, Elias und Tilley untersuchten dort anhand von 20 Interviews im Jahr 2016, wie sich Räumungen und Umsiedlungen auf Frauen mit niedrigen Einkommen auswirkten (Rethel et al., 2019, S. 212).
Eine Gesprächspartnerin, Ibu Sri, beteiligte sich an einer Arisan, einer gemeinschaftlichen Spargruppe. Die Mitglieder zahlten regelmäßig kleinere Beträge ein. Per Los wurde bestimmt, wer eine angesammelte Summe erhielt. Das Geld half bei Ausgaben der Familie, etwa für Lebensmittel zum Fest am Ende des Ramadan. Die Treffen boten zugleich Gelegenheit zum Austausch und zur gegenseitigen Orientierung (Rethel et al., 2019, S. 221).
Als ihr Haus im Zuge einer Räumung abgerissen wurde, veränderten sich auch diese Möglichkeiten. Der Verlust von Wohnungen und Arbeit erschwerte die Teilnahme; ihre Gruppe stellte ihre Aktivitäten ein. Andere Frauen versuchten, bestehende Verbindungen aufrechtzuerhalten oder nach der Umsiedlung neue Gruppen aufzubauen (Rethel et al., 2019, S. 221–222).
An diesem Beispiel wird eine andere Seite von Abhängigkeit sichtbar. Menschen können auf eine Gemeinschaft angewiesen sein, weil sie dort gemeinsam etwas organisieren, das sonst fehlt. Geht diese Gemeinschaft verloren, werden sie dadurch keineswegs automatisch unabhängiger.
Deshalb reicht es kaum, Freiheit daran zu messen, ob jemand eine Beziehung verlassen kann. Ebenso wichtig ist, ob hilfreiche Beziehungen erhalten bleiben können und ob Menschen Einfluss auf die Bedingungen ihrer Zusammenarbeit haben.
Die drei Geschichten stehen für bestimmte historische und soziale Konstellationen. Sie lassen sich nicht zu festen Eigenschaften chinesischer, arabischer, malaiischer oder europäischer Kulturen zusammenziehen. Vergleichbar werden sie durch die Fragen, die wir an sie stellen: Wer erhält Zugang? Welche Verpflichtungen entstehen? Und wer kann die Bedingungen hinterfragen?
Sich auf andere verlassen und die eigene Stimme behalten
Diese Fragen begleiten uns auch heute. Denken wir an eine Person, die beruflich früh gefördert wird. Jemand traut ihr eine anspruchsvolle Aufgabe zu, empfiehlt sie weiter und macht ihre Fähigkeiten sichtbar. Daraus entsteht Erfahrung, die später weitere Chancen eröffnet.
Das ist zunächst etwas Wertvolles. Interessant wird es dort, wo Förderung mit unausgesprochenen Erwartungen verbunden ist. Darf die geförderte Person einer anderen Meinung sein? Kann sie einen eigenen Weg einschlagen, ohne dass die frühere Unterstützung gegen sie verwendet wird?
Dieses Gedankenbeispiel ist keine historische Schlussfolgerung über heutige Unternehmen. Es zeigt, welche Frage ich aus den untersuchten Geschichten mitnehme: Welche Form von Abhängigkeit lässt uns selbstbestimmt handeln?
Wir werden andere Menschen brauchen. Vollständige Unabhängigkeit erscheint mir deshalb als wenig hilfreiches Ideal. Entscheidend ist, ob wir innerhalb unserer Beziehungen Interessen vertreten, Entscheidungen hinterfragen und Unterstützung annehmen können, ohne dafür dauerhaft das eigene Urteil zurückzustellen.
Dafür tragen auch Institutionen Verantwortung. Ein fairer Zugang zu einer Stelle oder einer Finanzierung sollte auch denjenigen offenstehen, die keine einflussreiche Person kennen. Und ein berechtigter Anspruch sollte nicht verschwinden, weil eine persönliche Beziehung zerbricht.
„Vertrauen ist Kapital“ bleibt vor diesem Hintergrund eine hilfreiche, aber begrenzte Metapher. Sie macht sichtbar, dass Beziehungen wirtschaftliche Möglichkeiten eröffnen können. Ihr Wert erschöpft sich darin jedoch nicht. Wir brauchen auch Beziehungen, in denen wir gerade nicht ständig beweisen müssen, was wir einbringen und welche Gegenleistung wir bieten können.
Meiner Erachtens liegt darin die anspruchsvollste Form des Vertrauens: sich aufeinander einzulassen und dem anderen trotzdem einen eigenen Weg zuzugestehen.
„Ich kenne da jemanden“ darf weiterhin Türen öffnen. Ob diese Beziehungen auch Freiheit ermöglichen, zeigt sich daran, wie viel eigene Stimme den Menschen bleibt, die durch diese Türen gehen.
Literaturverzeichnis
Bourdieu, P. (1986) ‘The forms of capital’, in Richardson, J.G. (Hrsg.) Handbook of Theory and Research for the Sociology of Education. New York: Greenwood Press, S. 241–258.
Guinnane, T.W. (2003) ‘A “friend and advisor”: External auditing and confidence in Germany’s credit cooperatives, 1889–1914’, Business History Review, 77(2), S. 235–264. https://doi.org/10.2307/30041145.
Manger, L. (2013) ‘Building a moral economy: The historical success of Hadrami Sada in Singapore’, in Bråten, E. (Hrsg.) Embedded Entrepreneurship: Market, Culture, and Micro-Business in Insular Southeast Asia. Leiden: Brill, S. 235–251. https://doi.org/10.1163/9789004255296_012.
Rethel, L., Elias, J. und Tilley, L. (2019) ‘Tales from two cities: Financialisation, consumerism and affordable housing in Kuala Lumpur and Jakarta’, in Fischer, J. und Jammes, J. (Hrsg.) Muslim Piety as Economy: Markets, Meaning and Morality in Southeast Asia. Abingdon: Routledge, S. 211–227. https://doi.org/10.4324/9780429321146-10.
Rousseau, D.M., Sitkin, S.B., Burt, R.S. und Camerer, C. (1998) ‘Not so different after all: A cross-discipline view of trust’, Academy of Management Review, 23(3), S. 393–404. https://doi.org/10.5465/amr.1998.926617.
Trocki, C.A. (1975) ‘The Johor archives and the “Kangchu” system 1844–1910’, Journal of the Malaysian Branch of the Royal Asiatic Society, 48(1), S. 1–46. https://www.jstor.org/stable/41492097.
Yahaya, N. (2020) Fluid Jurisdictions: Colonial Law and Arabs in Southeast Asia. Ithaca, NY: Cornell University Press.

