Manchmal vermisse ich den Jungen, der ich einmal war

Über das Erwachsenwerden, die Magie der Kindheit, das Gefühl von Heimat und die Wurzeln, die uns ein Leben lang tragen.

Bild vom Sonnenuntergang in meiner Heimat

Es gibt Orte, an denen die Zeit anders vergeht. Orte, an die man zurückkehrt und für einen kurzen Moment das Gefühl hat, nie wirklich fortgewesen zu sein.

Für mich ist das ein kleiner Ort in Niedersachsen. Dort bin ich aufgewachsen, direkt am Wald, umgeben von Natur, mit einer Kindheit, die ich rückblickend kaum anders hätte haben wollen.

Wenn ich heute dorthin zurückkehre, überkommt mich ein Gefühl, das sich nur schwer beschreiben lässt. Es ist Vertrautheit, Geborgenheit, vielleicht auch ein wenig Wehmut. Die Straßen, die Häuser, die Wege durch den Wald. Alles ist noch da. Und doch ist vieles nicht mehr so, wie es einmal war.

Ich erinnere mich an Nachmittage, die scheinbar niemals enden wollten. Wir haben Buden gebaut, uns mit den Nachbarskindern regelrechte Schlachten geliefert, geheime Verstecke im Wald errichtet und in alten Bunkern gespielt. Die Welt war riesig. Jeder Baum konnte ein Aussichtsturm sein, jeder Graben eine Grenze, die es zu überwinden galt. Wir brauchten nicht viel, um glücklich zu sein. Ein paar Bretter, Äste, gute Freunde und eine Vorstellungskraft, die keine Grenzen kannte.

Eine Zeit lang wollte ich unbedingt Polizist werden. Also verkleidete ich mich als Polizist, hielt Menschen an und kontrollierte ihre Personalausweise. Wer keinen dabei hatte, musste gelegentlich sogar eine kleine Geldstrafe zahlen. Zumindest nach den Regeln meiner kindlichen Fantasiewelt. Rückblickend war das wohl eine recht eigenwillige Auslegung des Rechtsstaats.

Aber genau das war Kindheit. Eine Welt, in der alles möglich schien. In der wir nicht darüber nachdachten, ob etwas sinnvoll, produktiv oder gesellschaftlich anerkannt war. Wir machten es einfach. Weil es uns Freude bereitete.

Und vielleicht ist es genau diese Selbstverständlichkeit, die ich heute manchmal vermisse.

Die Wurzeln, die uns tragen

Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, empfinde ich vor allem eines: Dankbarkeit.

Dankbarkeit dafür, so behütet und gleichzeitig so frei aufgewachsen zu sein. Dafür, dass meine Eltern mir so vieles ermöglicht haben. Dass sie mir den Raum gegeben haben, die Welt auf meine eigene Weise zu entdecken, neugierig zu sein, Unsinn zu machen, Fehler zu machen und meine eigenen Erfahrungen zu sammeln.

Meine Mutter hat früher immer etwas gesagt, das mich bis heute begleitet. Sinngemäß: „Wir haben dir die Wurzeln gegeben. Wie einem Baum. Damit du fest stehst, auch wenn es einmal stürmisch wird.“

Als Kind habe ich diese Worte vermutlich noch gar nicht in ihrer ganzen Bedeutung verstanden.

Heute verstehe ich sie umso mehr.

Denn Wurzeln bedeuten nicht, an einem Ort festgehalten zu werden. Sie geben Halt, damit man wachsen kann. Damit man sich entfalten, Neues wagen und auch einmal in unbekannte Richtungen entwickeln kann, ohne dabei den eigenen Halt zu verlieren.

Ich glaube, dass meine Eltern mir genau das mitgegeben haben.

Sie haben mir Geborgenheit geschenkt, aber auch Freiheit. Sie haben mich unterstützt, ohne mir jeden Schritt vorzugeben. Sie haben mir Vertrauen entgegengebracht und damit vielleicht etwas geschaffen, dessen Wert mir erst mit den Jahren wirklich bewusst geworden ist: ein tiefes Gefühl von Sicherheit, das nicht davon abhängt, wo ich gerade bin.

Davon profitiere ich bis heute.

In meiner Arbeit, in meinen Beziehungen, bei Entscheidungen und gerade auch dann, wenn etwas nicht so läuft, wie ich es mir vorgestellt habe. Wenn Pläne scheitern, Erwartungen enttäuscht werden oder ich selbst an mir zweifle.

Dann merke ich, wie wertvoll es ist, etwas in sich zu tragen, auf das man zurückgreifen kann.

Nicht, weil einen starke Wurzeln vor jedem Sturm schützen. Sondern weil sie einem helfen können, auch dann standhaft zu bleiben, wenn der Wind stärker wird.

Vielleicht war mir als Kind gar nicht bewusst, welches Geschenk diese Form von Geborgenheit ist. Für mich war es selbstverständlich, draußen zu spielen, durch den Wald zu streifen und immer wieder neue Abenteuer zu erleben.

Heute weiß ich, dass es das nicht ist.

Und je älter ich werde, desto dankbarer bin ich meinen Eltern dafür.

Vielleicht haben sie mir nicht nur eine schöne Kindheit ermöglicht. Vielleicht haben sie mir auch den Mut gegeben, irgendwann hinaus in die Welt zu gehen.

Wenn die Heimat bleibt, aber die Kindheit geht

Vor einiger Zeit war ich mit meinem Neffen auf einem Spielplatz in meiner Heimat. Auf demselben Spielplatz, auf dem ich selbst unzählige Stunden verbracht hatte.

Früher stand dort ein großes hölzernes Piratenschiff. Ein scheinbar gesunkenes Schiff, mit Rutschen, Klettermöglichkeiten und unzähligen Winkeln, in denen man verschwinden konnte.

Für uns war es kein Spielgerät. Es war ein richtiges Schiff. Mal befanden wir uns auf hoher See, mal kämpften wir gegen Piraten, mal entdeckten wir unbekannte Inseln.

Heute steht dort eine moderne Kletteranlage. Funktional, vermutlich sicherer und nach allen Regeln zeitgemäßer Spielplatzgestaltung errichtet.

Und doch fehlte mir etwas.

Vielleicht war es die Seele dieses Ortes. Vielleicht aber auch nur meine eigene Erinnerung, die ich dort vergeblich suchte.

Denn natürlich ist es nicht derselbe Spielplatz, den mein Neffe sieht. Für ihn beginnt dort eine neue Geschichte. Vielleicht wird er sich eines Tages genauso wehmütig an diese moderne Kletteranlage erinnern, wie ich heute an mein altes Piratenschiff.

Dieser Gedanke hat mich beschäftigt.

Vielleicht trauern wir manchmal gar nicht um die Dinge, die verschwunden sind. Sondern um die Menschen, die wir waren, als diese Dinge noch existierten.

Auch der Wald fühlt sich anders an.

Ich kenne dort noch immer viele Wege, viele Bäume, viele kleine Besonderheiten. Als Kind habe ich in den Baumkronen Gesichter entdeckt. Äste, die sich zu Augen formten, Blätter, die wie Haare wirkten, knorrige Stämme, die mir Geschichten erzählten.

Wenn ich heute durch diesen Wald gehe, entdecke ich manche dieser Gesichter noch immer. Sie sind tatsächlich noch da. Nur ein Ast scheint durch einen Sturm beschädigt worden zu sein.

Es ist ein seltsames Gefühl, wenn man feststellt, dass die eigene Fantasie von damals noch immer irgendwo zwischen den Bäumen wartet.

Und doch ist es stiller geworden.

Die Nachbarskinder von früher sind längst erwachsen. Viele sind weggezogen, haben ihre eigenen Leben begonnen. Die Straßen, auf denen wir einst lautstark gespielt, gestritten, gelacht und getobt haben, wirken ruhiger.

Die Häuser stehen noch. Aber die Stimmen fehlen.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Kulisse meiner Kindheit geblieben ist, während die Menschen darin längst andere Rollen übernommen haben.

Mich eingeschlossen.

Wie viele Orte können ein Zuhause sein?

Ich habe das große Glück gehabt, früh andere Teile der Welt kennenzulernen.

Mit 16 Jahren ging ich für eineinhalb Jahre nach Neuseeland. Später lebte ich in Italien und Schweden. Ich habe neue Menschen kennengelernt, andere Kulturen erlebt, Freundschaften geschlossen und mich immer wieder auf Neues eingelassen.

Dabei habe ich etwas gelernt, woran ich bis heute glaube: Man kann an vielen Orten auf dieser Welt ankommen. Man kann sich an unterschiedlichen Orten zu Hause fühlen.

Aber man verlässt keinen dieser Orte, ohne etwas von sich selbst dort zurückzulassen.

Ein Teil unseres Herzens bleibt bei den Menschen, denen wir begegnet sind. In den Straßen, durch die wir gelaufen sind. In Gesprächen, die uns verändert haben. In kleinen Augenblicken, die damals unscheinbar wirkten und Jahre später plötzlich wieder auftauchen.

Vielleicht besteht unser Leben aus all diesen Orten und Begegnungen. Aus den vielen Versionen unserer selbst, die wir im Laufe der Zeit gewesen sind.

Der Jugendliche, der mit 16 Jahren nach Neuseeland aufbrach, war ein anderer als der Mensch, der später in Italien lebte. Und der Mensch, der heute in Hamburg lebt, ist wiederum ein anderer.

Oder vielleicht auch nicht?

Vielleicht tragen wir all diese Menschen noch immer in uns.

Wenn ich heute an die Worte meiner Mutter denke, erkenne ich darin noch eine weitere Bedeutung.

Vielleicht konnte ich gerade deshalb so früh aufbrechen, weil ich wusste, dass ich Wurzeln hatte.

Weil es einen Ort gab, an den ich zurückkehren konnte. Menschen, die hinter mir standen. Eine Heimat, die nicht verschwand, nur weil ich mich von ihr entfernte.

Ein Baum braucht Wurzeln, um wachsen zu können. Aber er braucht auch Platz, um seine Äste auszustrecken.

Vielleicht gilt das für uns Menschen genauso.

Wir brauchen Zugehörigkeit, aber auch Freiheit. Vertrautheit, aber auch Veränderung. Einen Ort, an dem wir bleiben dürfen, und den Mut, manchmal aufzubrechen.

Und doch gibt es für mich einen Unterschied zwischen den Orten, an denen ich gelebt habe, und dem Ort, an dem ich aufgewachsen bin.

An vielen Orten habe ich ein Zuhause gefunden. Aber nur an einem Ort war ich ein Kind.

Nur dort gibt es diese ganz besondere Vertrautheit. Eine Vertrautheit, die nicht erst erklärt oder aufgebaut werden muss. Sie ist einfach da.

Wo ist eigentlich unsere Leichtigkeit geblieben?

Je älter ich werde, desto häufiger denke ich darüber nach, was Erwachsensein eigentlich bedeutet.

Wir übernehmen Verantwortung, treffen Entscheidungen, entwickeln Ziele und versuchen, unseren eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Wir planen unsere Zukunft, arbeiten an uns selbst, wollen etwas bewegen, etwas erreichen, vielleicht auch etwas hinterlassen.

Ich mag Verantwortung. Ich liebe es, Dinge zu gestalten, Menschen zusammenzubringen und Ideen zu verwirklichen.

Und trotzdem frage ich mich manchmal: Wo ist eigentlich diese Leichtigkeit geblieben?

Diese Fähigkeit, einfach etwas zu tun, ohne ein Ergebnis erreichen zu müssen.

Als Kind hatte ich einige Playmobilfiguren und andere kleine Spielfiguren. Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich manchmal stundenlang mit ihnen beschäftigt war.

Dabei habe ich häufig gar nicht im klassischen Sinne gespielt.

Ich hielt die Figuren einfach in meinen Händen, bewegte sie ein wenig hin und her. Und plötzlich entstanden ganze Welten in meinem Kopf.

Ich reiste durch fremde Welten und Zeiten, erlebte Abenteuer, errichtete Burgen, erfand Geschichten und begegnete Menschen, die es nur in meiner Vorstellung gab.

Äußerlich saß ich einfach auf meinem Bett oder auf dem Sofa. Manchmal bewegte ich kaum mehr als meine Hände.

Aber in meinem Kopf war ich überall.

Ich konnte stundenlang in diesen Welten versinken. Ohne Ablenkung, ohne Zeitdruck, ohne das Gefühl, etwas anderes tun zu müssen.

Wenn ich heute daran zurückdenke, beeindruckt mich diese Fähigkeit.

Wie unglaublich reich muss eine innere Welt sein, wenn ein paar kleine Figuren genügen, um ganze Universen entstehen zu lassen?

Und wann haben wir eigentlich damit aufgehört?

Wann wurde aus dem Kind, das sich stundenlang in seiner Fantasie verlieren konnte, ein Erwachsener, der manchmal schon nach wenigen Minuten das Gefühl hat, seine Zeit sinnvoller nutzen zu müssen?

Vielleicht verlieren wir unsere Kreativität gar nicht. Vielleicht lernen wir nur, sie immer stärker zu kontrollieren.

Wir wollen produktiv sein. Wir wollen Ergebnisse sehen. Selbst unsere Freizeit soll möglichst sinnvoll gestaltet werden. Wir lesen Bücher, um etwas zu lernen. Wir treiben Sport, um gesund zu bleiben. Wir reisen, um Erfahrungen zu sammeln.

All das ist wertvoll.

Aber wann machen wir eigentlich etwas nur deshalb, weil es uns Freude bereitet?

Ohne Ziel. Ohne Nutzen. Ohne den Anspruch, besser zu werden.

Einfach, weil wir Lust darauf haben.

Der kleine Feuerwehrmann und ich

Vor Kurzem hat mich mein Neffe daran erinnert, wie einfach das sein kann.

Er kam auf mich zu und erklärte mit großer Ernsthaftigkeit: „Onkel Marlow, wir müssen unsere Masken aufsetzen. Wir sind jetzt Feuerwehr und müssen Feuer löschen!“

Und plötzlich waren wir Feuerwehrleute.

Wir rannten durch das Haus, löschten imaginäre Brände, retteten Möbelstücke vor unsichtbaren Flammen und kämpften uns durch Gefahren, die außer uns niemand sehen konnte.

Ein Stuhl brannte. Dann die Couch. Dann irgendeine Ecke des Zimmers. Kaum hatten wir einen Brand gelöscht, brach schon der nächste aus.

Und natürlich war jeder Einsatz von größter Bedeutung.

Irgendwann merkte ich, wie ich selbst immer mehr in dieses Spiel eintauchte. Wie ich lachte, herumrannte, improvisierte und für einen Moment überhaupt nicht darüber nachdachte, was ich eigentlich gerade tat.

Ich war einfach da.

Nicht als Personalentwickler, Autor, Dozent, Gründer oder in irgendeiner anderen Rolle, die ich heute einnehme.

Sondern einfach als Marlow.

Vielleicht sogar als der kleine Marlow, der damals durch den Wald gerannt ist und sich seine eigenen Welten erschaffen hat.

Dieser Moment hat mich berührt.

Weil ich gemerkt habe, wie wenig es manchmal braucht, um etwas wiederzufinden, das man längst verloren geglaubt hat.

Und vielleicht auch, weil ich in meinem Neffen etwas von mir selbst wiedererkannt habe.

Diese unerschöpfliche Fantasie. Diese Freude daran, sich eine Welt auszudenken und für einen Moment ganz in ihr aufzugehen.

Ich hoffe, dass er sich diese Fähigkeit möglichst lange bewahrt.

Und dass auch er eines Tages auf seine Kindheit zurückblicken kann und dabei vor allem eines empfindet: Dankbarkeit.

Vielleicht müssen wir gar nicht wieder Kinder werden

Natürlich möchte ich meine Kindheit nicht zurückholen. Und ich möchte auch nicht dauerhaft in der Vergangenheit leben.

Ich bin dankbar für den Menschen, der ich heute bin. Für die Erfahrungen, die ich machen durfte, für die Verantwortung, die ich tragen kann, und für die Möglichkeiten, die vor mir liegen.

Erwachsenwerden ist schließlich nicht nur ein Verlust. Es ist auch ein Gewinn.

Wir lernen, uns selbst besser zu verstehen. Wir entwickeln eigene Werte, gewinnen Freiheiten, können Entscheidungen treffen und unser Leben gestalten.

Und trotzdem glaube ich, dass wir auf diesem Weg manchmal etwas aus den Augen verlieren.

Nicht unbedingt unsere Fantasie. Nicht unsere Neugier. Vielleicht nicht einmal unsere Leichtigkeit.

Sondern die Erlaubnis, all das einfach zu leben.

Als Kinder brauchten wir niemanden, der uns sagte, dass wir kreativ sein dürfen. Wir waren es einfach.

Wir brauchten keine Begründung, um zu spielen. Kein Ziel, um uns für etwas zu begeistern. Keine Anerkennung, um stolz auf unsere selbst gebauten Buden zu sein.

Vielleicht besteht eine der größten Herausforderungen des Erwachsenseins darin, sich diese Freiheit wieder zu erlauben.

Sich nicht immer nur über Leistung, Verantwortung oder die nächste Aufgabe zu definieren.

Wieder mehr zu staunen. Sich auf Unsinn einzulassen. Geschichten zu erfinden. Dinge auszuprobieren, ohne vorher zu wissen, wofür sie gut sein könnten.

Und vielleicht gehört auch dazu, die eigene Geschichte mit etwas mehr Dankbarkeit zu betrachten.

Nicht jede Kindheit ist unbeschwert. Nicht jeder Mensch hat die Möglichkeit, mit Geborgenheit und Freiheit aufzuwachsen. Mir ist bewusst, welches Glück ich hatte.

Umso mehr möchte ich das bewahren, was mir damals mitgegeben wurde.

Die Neugier. Den Mut, Neues auszuprobieren. Das Vertrauen in andere Menschen. Und die Fähigkeit, auch dann weiterzumachen, wenn das Leben einmal anders verläuft als geplant.

Vielleicht bedeutet Reife nicht, das Kind in uns hinter sich zu lassen.

Vielleicht bedeutet sie, irgendwann zu verstehen, wie wertvoll es ist, dieses Kind zu bewahren.

Und dann geht die Sonne unter

Ich liebe Sonnenuntergänge.

Vielleicht auch deshalb, weil sie mich daran erinnern, dass die Zeit vergeht, ohne dass wir sie aufhalten können.

Vor Kurzem stand ich wieder an einem See und beobachtete, wie sich der Himmel langsam in unzählige Rot-, Rosa- und Orangetöne verwandelte. Die Wolken spiegelten sich im Wasser. Für einen Moment schien die ganze Landschaft stillzustehen.

Ich musste an meine Kindheit denken.

An die Sommerabende, an denen wir draußen waren, bis es dunkel wurde. An den Wald. An unsere Buden. An das alte Piratenschiff. An die Nachbarskinder. An die Welten, die ich mir mit ein paar Spielfiguren erschaffen konnte.

Und an meine Eltern, die mir all das ermöglicht haben.

Die mir die Freiheit gegeben haben, meine eigenen Wege zu gehen, und gleichzeitig dafür gesorgt haben, dass ich immer einen Ort hatte, an dem ich mich sicher fühlen konnte.

Ich musste an die Worte meiner Mutter denken.

An die Wurzeln, die sie mir mitgegeben haben.

Und an den kleinen Jungen, der damals noch nicht wusste, wohin ihn das Leben einmal führen würde.

Manchmal frage ich mich, was er wohl von mir heute halten würde.

Wäre er stolz auf den Menschen, der ich geworden bin? Würde er verstehen, womit ich mich beschäftige, welche Fragen mich antreiben und warum ich manchmal so viel über die Zukunft nachdenke?

Vielleicht würde ihn all das gar nicht besonders interessieren.

Vielleicht würde er mich einfach fragen, ob ich Lust hätte, mit ihm eine Bude im Wald zu bauen.

Und vielleicht wäre genau das die richtige Antwort auf so manche Frage, die uns als Erwachsene beschäftigt.

Ich weiß nicht, ob wir jemals wieder so unbeschwert sein können wie damals. Vielleicht gehört es zum Leben, dass die Welt mit den Jahren komplizierter wird. Dass wir mehr verstehen, mehr Verantwortung tragen und manche Dinge nicht mehr mit denselben Augen betrachten können.

Aber ich hoffe, dass ich mir eines bewahre.

Die Fähigkeit, mich von einem Sonnenuntergang genauso verzaubern zu lassen wie damals. Im Wald noch immer Gesichter in den Baumkronen zu entdecken. Mit meinem Neffen durch das Haus zu rennen und unsichtbare Brände zu löschen.

Und hin und wieder einfach etwas zu tun, weil es Freude macht.

Denn vielleicht ist das Kind, das wir einmal waren, gar nicht verschwunden.

Vielleicht wartet es nur darauf, dass wir uns wieder ein bisschen mehr Zeit für es nehmen.

Und wenn ich das nächste Mal in meiner Heimat durch den Wald gehe, werde ich vielleicht einen Moment stehen bleiben, zu den Baumkronen hinaufschauen und nach den alten Gesichtern suchen.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie noch da sind.

So wie die Wurzeln, die mich bis heute tragen.

Und so wie ein Teil von mir, der dort für immer Kind bleiben wird.