Was ist eigentlich gerecht? Warum Organisationen mehr Räume für ethische Fragen brauchen

Symbolbild (KI generiert)

Was ist eigentlich gerecht?

Eine Frage, die zunächst ziemlich grundsätzlich klingt. Vielleicht sogar ein wenig philosophisch. Im Arbeitsalltag wird sie allerdings erstaunlich schnell konkret.

Ist es gerecht, wenn alle das Gleiche bekommen? Oder wenn diejenigen mehr bekommen, die mehr benötigen? Ist eine Entscheidung gerecht, wenn sie wirtschaftlich vernünftig ist? Und was passiert, wenn das, was für einen Menschen gut und richtig wäre, mit den begrenzten Ressourcen einer Organisation kollidiert?

Genau mit solchen Fragen haben wir uns beim ersten Ethikforum der Evangelischen Stiftung Alsterdorf beschäftigt. Unter dem Titel „Gerechtigkeit unter Druck? – Gerecht handeln unter knappen Ressourcen“ ging es um ein Spannungsfeld, das aus meiner Sicht weit über das Sozial- und Gesundheitswesen hinausgeht.

Wie können Organisationen verantwortlich handeln, wenn es die eine eindeutig richtige Entscheidung gar nicht gibt?

Prof. Dr. Dr. h. c. Ulrich H. J. Körtner hat uns dazu unterschiedliche Perspektiven auf Gerechtigkeit mitgegeben. Und ziemlich schnell wurde deutlich: So selbstverständlich wir den Begriff verwenden, so schwierig wird es, wenn wir bestimmen sollen, was im konkreten Fall tatsächlich gerecht ist.

Gerechtigkeit ist mehr als Gleichbehandlung

Wir sprechen schnell davon, dass etwas „fair“ oder „gerecht“ sein sollte. Aber nach welchem Maßstab?

Ist Gerechtigkeit erreicht, wenn alle Menschen gleich behandelt werden? Oder kann gerade eine unterschiedliche Behandlung gerecht sein, weil Menschen unterschiedliche Voraussetzungen und Bedürfnisse haben?

Soll Leistung entscheidend sein? Bedarf? Teilhabe? Chancengleichheit? individuelle Freiheit?

Schon diese Fragen zeigen: Gerechtigkeit ist nicht eindimensional.

Und genau deshalb wird Ethik dort besonders relevant, wo unterschiedliche berechtigte Interessen miteinander in Konflikt geraten.

Das ist keine theoretische Ausnahme. In Organisationen passiert das jeden Tag.

Wenn jede Entscheidung einen Preis hat

Besonders sichtbar wird dieses Spannungsfeld im Sozial- und Gesundheitswesen.

Nehmen wir beispielsweise Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Was steht Beschäftigten für ihre Arbeit zu? Was bedeutet eine faire und gerechte Vergütung? Wie bringen wir Teilhabe, Anerkennung, individuelle Voraussetzungen und wirtschaftliche Rahmenbedingungen miteinander in Einklang?

Oder denken wir an ein Krankenhaus.

Welche Patientinnen und Patienten können aufgenommen werden, wenn Betten und Personal begrenzt sind? Wie gehen wir mit Menschen um, deren Behandlung besonders aufwendig ist? Welche Versorgung wäre medizinisch wünschenswert und was ist unter den vorhandenen Ressourcen tatsächlich möglich?

Ähnliche Fragen stellen sich in der Pflege und Eingliederungshilfe.

Wie viel Zeit können Mitarbeitende einem einzelnen Menschen geben, wenn gleichzeitig andere Menschen Unterstützung benötigen? Wie weit können individuelle Wünsche berücksichtigt werden, wenn Personal fehlt? Was passiert, wenn fachlicher Anspruch, menschliches Bedürfnis und wirtschaftliche Realität nicht vollständig zusammenpassen?

Und genau hier wird es schwierig.

Denn häufig stehen sich nicht „richtig“ und „falsch“ gegenüber.

Es stehen sich berechtigte Interessen, Bedürfnisse und Werte gegenüber.

Ethisches Handeln heißt auch, Spannungen auszuhalten

Vielleicht war das für mich eine der wichtigsten Erkenntnisse des Abends:

Ethisches Handeln bedeutet nicht, immer die eine richtige Antwort zu kennen.

Manchmal gibt es sie schlicht nicht.

Ethik kann uns aber dabei helfen, bessere Fragen zu stellen.

Wessen Interessen berücksichtigen wir? Wer profitiert von einer Entscheidung? Wer trägt ihre Konsequenzen? Welche Perspektive fehlt möglicherweise? Welche Werte stehen miteinander in Spannung? Und welche Entscheidung können wir am Ende verantworten?

Das bedeutet auch, Widersprüche auszuhalten.

Nicht jede Diskussion muss sofort in einem Konsens enden. Nicht jede Entscheidung wird von allen Menschen als gleichermaßen gerecht wahrgenommen werden. Und nicht jede Spannung lässt sich vollständig auflösen.

Aber wir können bewusster damit umgehen.

Wir können zuhören, Perspektiven abwägen, unsere eigenen Annahmen hinterfragen und Entscheidungen nachvollziehbar machen.

Und irgendwann müssen wir auch ins Handeln kommen.

Denn auch Nicht-Handeln hat Konsequenzen.

Werte werden erst im Alltag wirklich sichtbar

Im zweiten Teil des Ethikforums haben wir uns deshalb in kleineren Workshop-Gruppen mit unseren eigenen Werten beschäftigt.

Wie werden sie im Alltag tatsächlich gelebt? Wo geraten sie unter Druck? Und was bedeutet es konkret, als Organisation werteorientiert zu handeln?

Diese Fragen begleiten mich auch in meiner täglichen Arbeit.

Ein Wert, der für mich dabei besonders wichtig ist, ist Verantwortung.

In der Personal- und Organisationsentwicklung entstehen natürlich Konzepte, Formate, Strategien und neue Ideen. Es braucht Zeit, Dinge zu durchdenken und unterschiedliche Möglichkeiten zu entwickeln.

Aber gute Organisationsentwicklung entsteht für mich nicht allein am Schreibtisch.

Sie entsteht im Austausch.

In Workshops. In Gesprächen mit Führungskräften und Mitarbeitenden. Bei Hospitationen. Im Austausch mit unterschiedlichen Gesellschaften und Bereichen. Und vor allem dort, wo wir mit den Menschen sprechen, die von unseren Entscheidungen und Veränderungen später tatsächlich betroffen sind.

Denn eine Lösung kann konzeptionell noch so überzeugend aussehen. Wenn sie an der Realität der Menschen vorbeigeht, wird sie selten wirklich wirksam.

Nicht nur für Menschen, sondern mit ihnen gestalten

Genau deshalb halte ich Partizipation für einen wesentlichen Bestandteil verantwortungsvoller Organisationsentwicklung.

Das bedeutet für mich nicht, dass immer alle Menschen über alles entscheiden müssen. Das wäre weder realistisch noch sinnvoll.

Aber Beteiligung hilft dabei, blinde Flecken zu erkennen.

Andere Perspektiven können unsere eigenen Annahmen infrage stellen. Menschen aus der Praxis können früh sichtbar machen, wo eine vermeintlich gute Idee vielleicht nicht funktioniert. Und manchmal entsteht aus einem Gespräch eine Lösung, auf die man alleine überhaupt nicht gekommen wäre.

Gerade in einer großen Organisation wird diese Verantwortung spürbar.

Wenn wir Lernangebote entwickeln, Führungskräfteentwicklung gestalten, Prozesse verändern, digitale Lösungen einführen oder neue Formate schaffen, haben diese Entscheidungen konkrete Auswirkungen auf Menschen.

Vielleicht nicht immer unmittelbar sichtbar. Aber sie sind da.

Deshalb ist für mich ein Gedanke besonders wichtig:

Nicht nur für Menschen gestalten, sondern möglichst oft mit ihnen.

Zuhören. Fragen stellen. Rückmeldungen ernst nehmen. Unterschiedliche Perspektiven aushalten. Dinge ausprobieren. Und auch bereit sein, die eigene ursprüngliche Idee noch einmal zu verändern.

Das ist für mich kein Zeichen dafür, dass ein Konzept vorher schlecht war. Es ist ein Zeichen dafür, dass Organisationsentwicklung tatsächlich stattfindet.

Verantwortung braucht auch Freiheit

Gleichzeitig gibt es noch eine zweite Seite.

Wer Verantwortung übernehmen soll, braucht auch einen gewissen Gestaltungsspielraum.

Natürlich benötigen Organisationen Regeln, Prozesse, Budgets und klare Verantwortlichkeiten. Gerade große Organisationen können nicht ausschließlich über individuelle Entscheidungen funktionieren.

Aber Entwicklung entsteht eben auch nicht nur durch Vorgaben.

Menschen brauchen Räume, in denen sie ausprobieren, hinterfragen und gestalten dürfen.

Für mich gehören deshalb Freiheit und Verantwortung unmittelbar zusammen.

Gestaltungsspielraum bedeutet nicht Beliebigkeit. Im Gegenteil. Je mehr Möglichkeiten ich habe, etwas zu beeinflussen, desto stärker muss ich mich auch mit den möglichen Folgen meines Handelns auseinandersetzen.

Gerade das empfinde ich an meiner Arbeit als unglaublich wertvoll: Dinge tatsächlich mitgestalten zu können und gleichzeitig zu wissen, dass diese Gestaltung Wirkung entfalten kann.

Warum Organisationen Räume für ethische Debatten brauchen

Genau deshalb halte ich Formate wie ein Ethikforum oder eine Ethikkommission für so wertvoll.

Nicht, weil dort Menschen sitzen, die auf jede schwierige Frage die perfekte Antwort kennen.

Sondern weil sie einen Raum schaffen, in dem Fragen gestellt werden können, für die es vielleicht gerade keine einfache Antwort gibt.

Unser Direktor und Vorstandsvorsitzender Pastor Uwe Mletzko hat im Zusammenhang mit Gottesdiensten an diesem Abend einen Gedanken formuliert, der mir sehr gefallen hat: Eine Predigt darf bzw. soll anregen und aufregen.

Ich finde, dieser Gedanke lässt sich wunderbar auf ethische Debatten in Organisationen übertragen.

Es ist in Ordnung, wenn unterschiedliche Meinungen aufeinandertreffen.

Mehr noch: Bei komplexen ethischen Fragen ist das häufig notwendig.

Wir brauchen Widerspruch. Wir brauchen Menschen, die einen anderen Blick auf eine Situation haben. Und wir brauchen Räume, in denen diese unterschiedlichen Perspektiven ausgesprochen werden können, ohne dass sofort jemand gewinnen muss.

Eine gute ethische Debatte muss deshalb nicht möglichst schnell Harmonie herstellen.

Sie sollte uns dabei helfen, bessere Entscheidungen zu treffen.

Von der Pflege bis zur künstlichen Intelligenz

Das gilt längst nicht nur für klassische Fragen des Sozial- und Gesundheitswesens.

Ich beschäftige mich beispielsweise intensiv mit Ethik im Kontext künstlicher Intelligenz. Und auch hier begegnen uns viele der gleichen Grundfragen.

Bei der Einführung eines neuen KI-Tools reicht es aus meiner Sicht nicht, ausschließlich zu fragen: Was kann die Technologie? Wie viel Zeit sparen wir? Was kostet sie?

Wir sollten genauso fragen:

Wem nutzt sie eigentlich?

Wer ist von ihrer Einführung betroffen?

Welche Menschen werden beteiligt?

Wer verfügt über die notwendigen Kompetenzen und wer möglicherweise nicht?

Welche Daten verwenden wir?

Welche Entscheidungen wollen wir Technologie überlassen und welche bewusst beim Menschen belassen?

Welche Risiken entstehen?

Und wer übernimmt Verantwortung, wenn etwas schiefgeht?

Die Technologie ist neu. Viele ethische Fragen dahinter sind es nicht.

Es geht wieder um Gerechtigkeit, Teilhabe, Verantwortung, Autonomie, Macht und den Umgang mit begrenzten Ressourcen.

Deshalb glaube ich, dass Organisationen in Zukunft neben technologischer Kompetenz zunehmend etwas anderes benötigen:

ethische Urteilskompetenz.

Ethik sollte kein Reparaturbetrieb sein

Und dafür sollten wir ethische Fragen nicht erst dann stellen, wenn etwas bereits schiefgelaufen ist.

Ethik sollte kein Reparaturbetrieb sein.

Sie sollte Teil von Gestaltung sein.

Bei der Einführung neuer Technologien. Bei Veränderungen von Arbeitsprozessen. Bei Personalentscheidungen. Bei neuen Versorgungsmodellen. Bei Budgetentscheidungen. Und überall dort, wo unterschiedliche Interessen und Werte miteinander in Spannung geraten.

Dafür muss nicht jede Entscheidung durch ein großes Gremium.

Aber ich finde, jede Organisation sollte sich eine Frage stellen:

Wo können Menschen eigentlich hin, wenn sie vor einer Entscheidung stehen, auf die eine Richtlinie, ein Prozess oder eine Kennzahl allein keine ausreichende Antwort gibt?

Ein Ethikforum, eine Ethikkommission oder auch kleinere regelmäßige Reflexionsformate können dafür wertvolle Räume schaffen.

Vielleicht brauchen wir nicht immer die perfekte Antwort

Das erste Ethikforum der Evangelischen Stiftung Alsterdorf hat bei mir deshalb einige Gedanken hinterlassen, die weit über diesen einen Abend hinausgehen.

Vielleicht besteht verantwortungsvolles Handeln gar nicht darin, immer die perfekte Antwort zu finden.

Vielleicht geht es vielmehr darum, nicht aufzuhören, die richtigen Fragen zu stellen.

Hinsehen, wenn Interessen miteinander kollidieren.

Zuhören, wenn Menschen andere Perspektiven haben.

Betroffene einbeziehen.

Widersprüche aushalten.

Die eigenen Entscheidungen hinterfragen.

Verantwortung übernehmen.

Gestaltungsspielräume nutzen.

Und schließlich trotzdem handeln.

Denn Organisationen werden auch in Zukunft mit knappen Ressourcen, technologischen Veränderungen, unterschiedlichen Bedürfnissen und widersprüchlichen Erwartungen umgehen müssen.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob solche Spannungsfelder entstehen.

Die entscheidende Frage ist, wie wir mit ihnen umgehen.

Und vielleicht beginnt Ethik genau dort.

Vielen Dank an Prof. Dr. Dr. h. c. Ulrich H. J. Körtner für die spannenden Impulse, an Stefan Atze, Marion Förster und alle weiteren Beteiligten der Ethikkommission für die Gestaltung des ersten Ethikforums und den offenen Austausch.